Die Sammlung Kemp

Willi Kemp: In den letzten Jahren hast Du Bilder auf Leinwand, Holz und Papier gemalt, Fahnen entworfen, Skulpturen gemacht, Räume farbig organisiert, Kästen und Möbel konstruiert und sie farbig gestaltet. Bei all diesen Aktivitäten geht es immer um Farbe. Aber auf welchem Gedanke basiert Dein Tun?

Michael Growe: Malt man ein Bild, entsteht zwangsläufig ein Körper. Zum einen als ein Konglomerat von Materialien, zum anderen zeigt sich der Charakter dieses Körpers: Er ist in einer bestimmten, ihm eigentümlichen Weise geladen.

Diese Ladung kann unterschiedlicher Natur sein. In jedem Fall aber ist sie davon abhängig, welche malerischen Mittel eingesetzt werden.

Ich habe 1984/85 damit begonnen, für kleine vollplastische Arbeiten Holzstücke als Bildträger zu verwenden, die ja an sich Stücke eines gewachsenen Ganzen sind und durch die Bemalung aller Seiten wieder zu einer Einheit werden. Dabei liegen die Farben als Haut (eben auch als Material und nicht nur als Farbqualität) um das Stück und schließt es als Körper ab. Die dem Holz innewohnende Dynamik, das Gewachsensein, bleibt aber wegen der Art des Farbauftrags deutlich. Und durch die Organisation der Farben auf solch einem Bild kann beispielsweise ein ganz anderer Raum sichtbar werden, als es die dreidimensionale Vorgabe des Bildträgers erwarten lässt. Das ist doch eine Art Energie, die da den Raum macht. Das Bild als Batterie!

So gesehen erzeugt die Farbe eben eine Ladung (jetzt nämlich als Farbqualität), jene Ladung, die die Ausdehnung der Holzstücke überwindet und sich von ihrem Körper loslöst. (…)

Ich habe Versuche mit verschiedenen Trägermaterialien gemacht. Dabei ging es unter anderem darum, von einer face to face – Situation des Betrachters gegenüber einer kleinen Arbeit zu einem Gegenüber zweier Körper ( Bildkörper versus Bertrachterkörper) zu kommen. (…)

Es hat dabei wenig Sinn die Natur nachzuahmen, sie formal zu imitieren. Es geht mir darum, das Werden eines Bildes zu thematisieren und mit den Möglichkeiten der Farbe zu erarbeiten. Nur in Bezug auf den Entstehungsprozess lässt sich ein vollständiges Ganzes erreichen, in Bezug auf die Natur immer nur ein Ausschnitt. Das hat mich nie interessiert.

W.K.: Was hat Dich denn interessiert?

M.G. : (…) In einer Zeit neuer Medien mit cyberspace und internet darf die sinnlich Realität der Existenz nicht übersehen werden. Es geht mir nicht um die Diskriminierung dieser neuen Medien und ihrer Möglichkeiten, sondern um Malerei. Und Malerei erzeugt jenseits des Erzählerischen, jenseits von Begrifflichkeit, jenseits des Erhabenen aus ihrer geladenen Körperlichkeit unmittelbare Bilder.

W.K.: Kannst Du diesen Begriff der Ladung genauer definieren?

M.G.: (…) Ladung meint die Energie, die dem profanen Material durch den künstlerischen Eingriff vermittelt worden ist. Das Ding, das Werk ist jetzt mehr als ein Haufen Zeug. (…)

In der englischen Sprache wird zwischen color und paint unterschieden. Paint ist die Farbe als Material, color dagegen ist die Wirkung, die Erscheinung der Farbe. Das Leuchten der zusammenwirkenden Farben, das ist color, das ist die erscheinungsmäßige Kraft. Und in Bezug auf Malerei ist color ohne paint nicht denkbar. Das heißt, das Material paint ist körperliche Voraussetzung, aber ohne Organisation zur Interaktion bleibt es eben Material. Erst durch die Augenarbeit des Malers entsteht in Bezug auf das Bild color. Das ist ein nicht unerheblicher Zugewinn – und den nenne ich Ladung.(…)

Es ging Künstlern nie ums Abbild – auch wenn es eine Zeitlang so ausgesehen hat -, es ging und geht darum etwas in der Unterscheidung zur Schöpfung zu erschaffen. Erst in der Unterscheidung, durch die Formulierung einer Art Parallelwelt, entsteht ein aussagekräftiges Bild von der Welt, die ja nun leider Gottes zur Gänze so gar nicht zu erfassen ist. Es geht um Weltbilder. (…)

W.K.: Du hast einmal davon gesprochen, dass das Bild ein Spiegel ist. Was verstehst Du unter der Gleichung „Bild gleich Spiegel“?

M.G.: Neben der Bezeichnung für ein optisches Phänomens meint Reflektieren doch auch den Versuch, Erkenntnisse zu gewinnen. Das hat Tradition und ist von vielen Künstlern von Velazques bis Richter thematisiert worden. Hast Du nicht auch ein Bild mit dem Titel „Spiegel“ in Deiner Sammlung? Und Deine Sammlung ist ja im Übrigen auch ein Spiegel von Willi Kemp! Von der Erkenntnis zur Selbsterkenntnis und zurück. Das war und ist immer spannend.

Und vielleicht ist das erste Bild ja auch ein Spiegel gewesen: Der Neandertaler erkennt zum ersten Mal sein Gesicht in der Pfütze! -Wow!- Wenig später muss Narziss erfahren: Du sollst Dich nicht in Dein Spiegelbild, in Deine Reflexion verlieben. Aber Das ist eine andere Geschichte, oder?

Auszüge aus einem Interview mit Willi Kemp 2001